Nach der Corona-Krise stehen die Lebensmittelunternehmen in unserem Land heute vor neuen schwierigen Herausforderungen. Einerseits explodieren die Kosten für Energie, Rohstoffe und Verpackung, andererseits wirkt der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine wie ein Katalysator. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage unter 700 Fevia-Mitgliedern zeigt, dass viele Unternehmen mit Produktions- und/oder Logistikproblemen zu kämpfen haben. Wie sieht Bart Buysse, CEO von Fevia, diese Probleme?
Im Jahr 2020 wurde die Lebensmittelindustrie von der Corona-Pandemie schwer getroffen. Unter anderem dank unseres Konjunkturprogramms und staatlicher Unterstützungsmaßnahmen erholte sich die Branche 2021. "Unsere Lebensmittelunternehmen konnten im vergangenen Jahr schöne Wachstumszahlen verzeichnen. Mit einem Umsatz von 61,4 Milliarden Euro, 1,9 Milliarden Investitionen, 30 Milliarden Exporten und 98.000 Arbeitsplätzen haben die Unternehmen bewiesen, wie widerstandsfähig sie in Krisenzeiten sind", bestätigt Buysse. "Dennoch gibt es eine Zahl, die leider negativ auffällt, und das ist die Rentabilität".
Bereits während der Pandemie sahen sich die belgischen Lebensmittelunternehmen mit Rohstoffengpässen und folglich steigenden Kosten konfrontiert. Auch die Kosten für Energie, Verpackung und Transport stiegen stark an. In den letzten Monaten haben explodierende Energierechnungen und der Krieg in der Ukraine den Lebensmittelsektor zusätzlich belastet. Buysse erklärt: "Die Rentabilität unserer Unternehmen ist auf einen historischen Tiefstand von 2,8% gefallen. Wenn sie die stark gestiegenen Kosten nicht weitergeben können, wird diese Rentabilität weiter sinken. Im April 2022 haben wir eine neue Umfrage unter den Fevia-Mitgliedern durchgeführt, um dies klar zu erkennen."
"Diese Umfrage zeigt, dass vier von zehn Lebensmittelunternehmen in den kommenden Wochen die Produktion drosseln oder sogar ganz einstellen müssen", signalisiert Buysse. "Jedes zehnte Unternehmen hat seine Produktion bereits nach unten korrigiert. Außerdem hat die Hälfte von ihnen Lieferunterbrechungen erlebt, und sogar sieben von zehn Unternehmen werden die Zusammensetzung ihrer Produkte anpassen müssen." Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen haben die Unterbrechung der weltweiten Lieferkette und die schlechten Ernten dazu geführt, dass sich Rohstoffe auf eineinhalb Jahre 43% verteuert haben. "Der Krieg in der Ukraine macht die Märkte noch nervöser", sagt Buysse. "Der Preis für Weizen beispielsweise ist seit Ausbruch des Krieges um mehr als 50% gestiegen. Auch bei mehreren anderen Rohstoffen droht eine Verknappung. Wenn man weiß, dass die europäischen Pflanzenölraffinerien 35% bis 45% ihres Sonnenblumenöls aus der Ukraine beziehen, sind derzeit alle Hände voll zu tun, um vollwertige und bezahlbare Alternativen zu finden. Auch bei Leinöl, Honig und Eiprodukten drohen den belgischen Lebensmittelherstellern ernsthafte Engpässe."
Bei diesem Thema spielt noch ein weiterer Faktor eine Rolle, der es den Lebensmittelunternehmen besonders schwer macht. Buysse erklärt: "Viele Unternehmen in unserem Sektor können ihre steigenden Kosten nicht an ihre Kunden weitergeben. Vor allem große Supermarktketten halten sich zurück, wenn unsere Unternehmen die dennoch unvermeidlichen Preiserhöhungen thematisieren. Wir von Fevia fordern sie auf, sich der wirtschaftlichen Realität nicht zu verschließen und die Preissteigerungen an die Lebensmittelunternehmen weiterzugeben." Buysse fordert einen klaren Regelungsrahmen, der gewährleistet, dass Verträge und Preise in Krisenzeiten oder bei unvorhergesehenen und großen Kostensteigerungen schneller angepasst werden können. "Die Hälfte der Lebensmittelunternehmen musste feststellen, dass sich ihre Stromrechnung innerhalb eines Jahres mindestens verdoppelt hat. Bei 37% hat sich die Gasrechnung sogar verdreifacht. Wir von Fevia fordern die Behörden auf, zusätzlich zu den strukturellen Maßnahmen nun auch schnell temporäre Maßnahmen zu ergreifen, um die Energierechnung der belgischen Lebensmittelunternehmen zu dämpfen, und vor allem jetzt keine zusätzlichen Belastungen oder Verpflichtungen zu schaffen."
Trotz aller Probleme und Herausforderungen möchte Buysse eine hoffnungsvolle Botschaft übermitteln: "Während der letzten Corona-Pandemie war der Lebensmittelsektor ein wesentlicher Akteur, der unsere Wirtschaft gestützt hat. Gleichzeitig haben unsere Mitglieder gezeigt, wie widerstandsfähig sie sind. Auch heute werden unsere Lebensmittelunternehmen alles tun, um die Lebensmittelversorgung in unserem Land weiterhin sicherzustellen. Mit der notwendigen Unterstützung und Flexibilität aller Partner - von den Regierungen bis zu den Abnehmern - sollte dies auf jeden Fall gelingen!"